Abitur im Knast

In der letzten Woche begannen bei uns in der Schule die Abiturprüfungen. Das Procedere ist mittlerweile gut bekannt, immerhin gibt es bei uns nicht nur den normalen Frühjahrstermin, sondern auch noch einen weiteren Prüfungstermin im Herbst – eine echte Besonderheit (und Alleinstellungsmerkmal!) des sogenannten zweiten Bildungswegs. Das bedeutet, man ist eigentlich jedes Jahr mehrmals beteiligt, sei es mit eigenen Kursen und den damit verbundenen Korrekturen und mündlichen Prüfungen, oder eben als Mitglied in Prüfungskommissionen.

Für mich gibt es dieses Jahr jedoch eine echte Rarität: Abitur im Knast.

Im Gefängnis kann man Abitur machen?

Seit mehreren Jahren kooperiert unsere Schule mit der JVA Münster in Sachen Bildungsprogramme für Strafgefangene. Diese ermöglichen es den Insassen, Schulabschlüsse nachzuholen. Dazu gibt es eigens ein pädagogische Zentrum, das man sich wie eine eigenständige Schule innerhalb des System JVA vorstellen kann. Die Gefangenen können sich für diese Form der Weiterbildung bewerben und nach Prüfung der Eignung für die Maßnahme können sie in eine der Klassen aufgenommen werden. Die schulische Weiterbildung ersetzt dann die Ausübung einer Beschäftigung (z.B. Arbeit in der Schlosserei oder der Bäckerei), zu der Gefangene nach Strafvollzugsgesetz verpflichtet sind. Damit können sie sogar ein wenig Geld verdienen und haben gegenüber dem regulären Haftbetrieb einige Privilegien, wie z.B. mehr Bewegungsfreiheit oder die Unterbringung in im Vergleich recht „komfortablen“ Einzelzellen. Dementsprechend sind die Konsequenzen beträchtlich, sollte einer der Teilnehmer gegen die Regeln verstoßen: Es droht schnell der Ausschluss aus der Maßnahme und die Rückkehr in den „normalen“ Vollzug.

Die JVA in Münster

„Da sitzt doch bestimmt die ganze Zeit ein bewaffneter Beamter in der Klasse, oder?“

Solche oder ähnliche Nachfragen bekomme ich häufig, wenn ich von meiner Tätigkeit in der JVA berichte. Natürlich sind die Vorstellungen von Gefängnis geprägt durch Fernsehfilme oder (reißerische) Berichte in den Medien – echte Einblicke erhält man normalerweise nicht.

Gerade das war einer der Gründe, warum ich mich vor drei Jahren entschied, im Abiturkurs der JVA Münster eine Klasse zu unterrichten (in etwa entsprechend der Einführungsphase am normalen Gymnasium), später dann den Deutsch-Leistungskurs zu übernehmen. Bei einer Besichtigung konnte ich mich von den Gegebenheiten vorab überzeugen: ziemlich bedrückende Atmosphäre, viele Gitter, viele Türen, die man penibel auf- und zuschließen muss, aber ansonsten alles so wie bei uns in der Schule, sogar noch etwas komfortabler: Ein Klassenraum mit Tafel und Smartboard, ein Computer (ohne Internetzugang – Kommunikation nach draußen ist natürlich nur sehr eingeschränkt erlaubt), Tische, Holzstühle. Dieser Eindruck veränderte sich auch in meiner ersten Stunde nicht. 18 Kandidaten für das Abitur 2017. Und ich. Ein Beamter ist nicht die ganze Zeit mit dabei, dafür hat man dann für den Notfall ein sogenanntes Personenschutzgerät – ein Druck auf den roten Knopf genügt und Hilfe ist unterwegs. Eingesetzt habe ich das Gerät nie.

„Hast du da gar keine Angst, dass die dir was antun?“

In meinen ersten Stunden in der fremden Umgebung war ich nervös. Es fühlte sich ein bisschen so an, wie es sich immer anfühlt, wenn man eine neue Klasse oder einen neuen Kurs übernimmt. Es geht erstmal darum, sich kennenzulernen und gegenseitige Erwartungen zu prüfen. Welche Straftaten die einzelnen Studierenden begangen haben, wollte ich nicht wissen. Teilweise habe ich es später mitbekommen, aber mir war klar, dass dort einige „schwere Jungs“ vor mir sitzen, denn die Aufnahme in die Abiturklasse setzt gute Führung über einen längeren Zeitraum und natürlich den Verbleib in der Klasse (über immerhin drei Jahre) voraus.

Dazu kam ein anfangs doch recht rauer Umgangston, den ich von „draußen“ nicht unbedingt gewohnt war. Dazu trug die Tatsache, dass die Klasse ausschließlich aus Männern besteht, zu einer besonderen Stimmung bei. Oft glitten z.B. Diskussionen über Geschlechterrollen bzw. Rollenbilder im Deutschunterricht schnell in das Reich der Klischees und Oberflächlichkeiten ab – da galt es gegenzusteuern. Dennoch: Respektlosigkeit, Desinteresse oder gar Gewalt gab es nie. Die Gefangenen wussten immer sehr genau, in welcher privilegierten Lage sie sich befanden und taten (meistens) alles, diese zu bewahren: Alle waren (fast) immer anwesend, Unpünktlichkeit gab es nicht, Hausaufgaben wurden immer erledigt (Auch da sonst Abzüge beim Verdienst drohten!), Unterrichtsinhalte wurden begeistert aufgenommen. Eigentlich paradiesische Zustände. Für viele war der Unterricht zudem eine Ablenkung vom doch sehr drögen und straff durchstrukturierten Alltag in der JVA. Da waren jeder Sachtext von Schopenhauer, jedes expressionistische Gedicht und jede Kommunikationstheorie ein kleines Highlight.

Trotzdem war nicht immer alles einfach: Ein Brief vom Anwalt, schlechte Nachrichten im kurzen Telefongespräch mit der Familie, eine Streitigkeit mit einem Mitgefangenen – und schon war die Motivation dahin, zumindest kurzzeitig. Gruppenarbeit war plötzlich nicht mehr möglich, da es am Abend zuvor eine handgreifliche Auseinandersetzung gegeben hatte. Ein Studierender beteiligte sich nicht mehr, weil man ihm kurzfristig den Freigang gestrichen hatte. Erschwerend kam oft hinzu, dass die Gefangenen ungern über ihre Sorgen sprachen, frei nach dem Motto „Ein echter Mann erträgt das so“. Spannungen gab es natürlich auch reichlich untereinander, ein Gefängnis ist eben ein Ort mit besonderem Konfliktpotential. Da war es dann besonders wichtig, gerade bei kooperativen Arbeitsformen den eigenen Unterrichtsplan spontan auch mal über Bord zu werfen.

Zwischendurch wurde das beiderseitige Durchhaltevermögen auf eine besonders harte Probe gestellt: Die JVA Münster musste aufgrund von baulichen Bedenken quasi über Nacht geräumt werden. Bei einem letzten Besuch sind alle in Schockstarre: Die Fachhochschulreife ist zwar erreicht, aber es sind doch nur noch knapp neun Monate bis zum Abitur! Keiner wusste, wie oder ob es weitergeht. Die meisten Studierenden wussten noch nicht einmal, in welche Einrichtung sie nun verlegt werden würde. Letzten Endes war es dem Einsatz von Bezirksregierung und Schulleitung, der JVA und uns Kolleginnen und Kollegen zu verdanken, dass alle Studierenden gemeinsam nach Werl verlegt werden konnten. Spontan wurde dort ein eigener Bereich eingerichtet, mitsamt Klassenraum. So fuhren wir also das letzte Jahr der Qualifikationsphase zweimal wöchentlich nach Werl, um dort den Unterricht bis zum Abitur weiterführen zu können.

„Voll gut, dass es sowas gibt!“

Für mich hat sich schnell die Wichtigkeit solcher Bildungsmaßnahmen gezeigt: die Gefangenen erhalten eine sinnhafte Aufgabe, sie üben sich in Selbstreflexion und es wird möglicherweise sogar eine Perspektive geschaffen für die Zeit nach der Zeit in Haft. Und die gesellschaftliche Aufgabe von Schule sollte auch vor hohen Gefängnismauern nicht Halt machen. Gerade hier ist sie vermutlich besonders wichtig. „Resozialisierung“ ist so ein Schlagwort, dass ich im Zusammenhang mit meiner Arbeit in der JVA immer wieder hören konnte. Und genau dazu konnten wir auf dem Weg zum Abitur einen Beitrag leisten: Menschen, die in ihrer Vergangeheit Fehler gemacht haben, eine Möglichkeit geben, sich wieder in die Gesellschaft integrieren zu können. Und wer würde bestreiten, dass Bildung dabei einen wesentlichen Teil ausmachen kann?

Doch auch ich habe mich in den drei Jahren weiterentwickelt: Vor allem habe ich gelernt, Vorurteile kritischer zu hinterfragen. Und ich glaube auch, dass es mir gelungen ist, die Welt noch ein bisschen differenzierter zu sehen. Es gibt eben nicht zur den Strafgefangenen, der eine vermeintlich schreckliche Tat begangen hat und nun im stereotypen Trainingsanzug vor mir sitzt. Nein, dahinter steckt eine oft vielschichtige Geschichte und ich habe hinter diesen Fassaden in vielen Fällen sehr interessante und vielschichtige Menschen kennenlernen dürfen.

Doch erstmal: Faust, Genetik und französische Revolution!

Zentralabitur „hinter Gittern“

Bei der ersten Abiturprüfung letzte Woche war dann wieder als ziemlich normal und sehr alltäglich – Abi as usual: Alle sind nervös, alle sind aufgeregt, alle sind gespannt auf die Abiturvorschläge. In den Osterferien wurde gelernt, alte Abi-Klausuren bearbeitet oder auch mal täglich meditiert, um die innere Balance für die Prüfungsphase heraufzubeschwören.

Natürlich sind die Studierenden in der JVA auch an die Gegebenheiten des Zentralabiturs gebunden, d.h. sie schreiben die gleichen Klausuren wie die Schülerinnen und Schüler „draußen“ und werden natürlich auch in gleicher Weise darauf vorbereitet, wie beschrieben natürlich unter etwas anderen Bedingungen. Vorbereitet werden sollen sie so auf ein möglicherweise anschließendes Studium – ob es soweit kommt ist in einigen Fällen natürlich fraglich. Sei es, weil die Entlassung erst in mehreren Jahren in Aussicht steht oder weil ein anderer Weg eingeschlagen werden soll (z.B. Berufsausbildung im Rahmen des offenen Vollzugs o.ä.).

Eines steht für mich aber definitv fest: Meine Studierenden haben sich mit Themen, Inhalten und Fragen beschäftigt, mit denen sie sich sonst vermutlich niemals auseinandergesetzt hätten. Daran sind sie alle gewachsen und haben Kompetenzen erworben – nicht nur im rein schulischen Sinne, sondern vor allem im Umgang mit sich selbst und mit anderen. Ich wünsche ihnen, dass sie ihren eigenen Weg finden – möglicht ohne Rückkehr in die Kriminalität. Und ich freue mich, sollte ich dazu auch nur einen kleinen Teil beigetragen haben.

 

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