Bunt, laut, schrill – genialer „Sandmann“ in Recklinghausen

Die Ruhrfestspiele sind seit der Nachkriegszeit eine Institution – nicht nur in Recklinghausen, wo sie alljährlich stattfinden, sondern auch international. Dieses Jahr steht das Festival unter dem Titel „Kopf über – Welt unter“ und Robert Wilson inszeniert E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „Der Sandmann“. Ein guter Grund, mal reinzuschauen!Karten haben wir direkt am ersten Tag bestellt. Wie sich herausstellen sollte, war das eine sehr gute Entscheidung. Wer die großen Produktionen in Recklinghausen sehen will, der muss schnell sein. Für die letzten beiden Termine in der nächsten Woche gibt es aber noch ein paar Resttickets.

Auf dem Weg zum Festspielhaus

„Der Sandmann“? Worum geht’s denn da?

E.T.A. Hoffmanns Erzählung aus dem Jahr 1816 ist vielleicht ein wenig in die Jahre gekommen, gilt aber sicher als Klassiker und steht für 2019 auch auf der Liste der verpflichtenden Lektüre für den Deutsch-Leistungskurs in NRW. Auch ein optimaler Anlass für mich, meine Textkenntnisse ein wenig aufzufrischen. Aber kurz zum Inhalt:

Der Student Nathanel wird seit jeher von einem Kindheitstrauma verfolgt. Der zwielichtige Coppelius führte mit Nathanaels Vater alchemistische Experimente durch, bei denen dieser ums Leben kam. Die Mutter verschreckte Nathanel dazu noch mit gruseligen Erklärungen für die nächtlichen Besuche des Coppelius: Dieser sei der Sandmann, der Kindern, die nicht schlafen wollen, die Augen ausreißt.

Während seines Studiums trifft Nathanael auf den Wetterglashändler Coppola, der nicht nur namentlich frappierende Ähnlichkeit mit Coppelius aufweist. Nathanael wird zusehends wahnsinnig, auch bedingt durch die Tatsache, dass er sich in die „Tochter“ seines Professors verliebt, die, wie sich herausstellt, nur ein lebloser Automat ist und deren Augen von Coppola persönlich hergestellt wurden.

Nathanael kehrt nach Hause zurück, erholt sich und will sogar seine Jugendliebe Clara heiraten. Bei einem gemeinsamen Spaziergang erscheint ihm jedoch wieder Coppelius und alle Erinnerungen kehren zurück. Nathanael wird erneut vom Wahnsinn befallen, versucht Clara von einem Aussichtsturm zu stürzen, springt aber schließlich selbst hinab.

Die Themen Hoffmanns sind natürlich auch heute noch hochaktuell: Das Verhältnis von Mensch und Maschine, die Frage, was überhaupt einen Mensch zum Menschen macht, die Grenzen zwischen Wissenschaft und Aberglaube sowie Überlegungen zur subjektiven Wahrnehmung der Welt.

Gelebter Wahnsinn in Recklinghausen

„Kopf über – Welt unter“

Schon von Beginn an wird deutlich, dass man sich bei Wilsons „Sandmann“ auf eine sehr wilde Fahrt durch die Geschichte Nathanaels einstellen muss. Die Figuren wirken grotesk, sie haben bleiche Gesichter, wilde Frisuren und bewegen sich äußerst unmenschlich. Alles wirkt stakkatohaft, abgehackt und technisch. Nathanael ist zu einer wilden Fratze stilisiert (schwarz umrandete Augen, knallrote Haare, die ihm sprichwörtlich zu Berge stehen), der an einen rotzigen Lausbuben erinnert.

Von Hoffmanns Originaltext ist nur noch wenig übrig geblieben, einzig Versatzstücke aus Textzitaten werden zwischendurch vorgetragen, um den Handlungszusammenhang herzustellen. Einzelne Sätze werden wiederholt, unterschiedlich intoniert, geschrieen, geflüstert, als Frage formuliert. Dazu gibt es grandiose Musik der britischen Songwriterin Anna Calvi, von bombastischem Rock bis zur seichten Arie ist alles dabei und unterstreicht perfekt die dargestellten Situationen. Besonders zu erwähnen ist das achtköpfige Orchester (wohl eher eine Band), das zwischendurch den Schauspielern immer wieder die Show stiehlt.

Ansonsten besteht das Stück vor allem aus Bewegung: die Figuren tanzen, rennen, schleichen, hüpfen. Sie verharren plötzlich in ihren Bewegungen, wechseln sekündlich ihre Emotionen. Auch das Bühnenbild ist beweglich, ständig verändert sich die Szenerie, Möbelstücke schweben über den Bühnenboden, riesige LED-Elemente blitzen und blinken. Durch geschickte und sehr präzise Lichteffekte wird immer wieder ein Kontrast zwischen Hell und Dunkel und verschiedenen Farben hergestellt. Stillstand gibt es nicht, genausowenig wie für Nathanael, der getrieben ist vom Horror seiner Kindheit. Traum, Wahn und Realität verschwimmen sowohl für ihn wie auch für den Zuschauer.

Den Schauspielern, allen voran Christian Fiedel (den man z.B. aus den Filmen „Das weiße Band“ oder „Russendisko“ sowie aus verschiedenen Theaterproduktionen kennen könnte), wird alles abverlangt. Nicht nur müssen sie die Skurillität der einzelnen Figuren durch Mimik, Gestik und Sprache umsetzen, sondern sollen zwischendurch auch noch singen oder tanzen. Besonders unterhaltsam fand ich allerdings Rosa Enskat als Nathanaels Mutter, die durch ironische Kommentare, Wortwitz („Ich kann gar nicht genug klagen!“) und an Gleichgültigkeit grenzende Kühle für ein wenig comic relief sorgt. Völlig berechtigt ist da der zehnminütige Applaus des Publikums, mitsamt Standing Ovations und einer Zugabe.

Das Festspielhaus bei bestem Wetter

„Der Sandmann“ in Recklinghausen ist bunt, laut und schrill, manchmal anstrengend, manchmal verstörend, manchmal berührend. Eins ist er auf jeden Fall niemals: Langweilig.  Was am Anfang irritiert, begeistert letztendlich und das ist wohl auch so beabsichtigt. Der Zuschauer wird aus seiner Komfortzone gelockt und muss sich einlassen auf das, was da auf der Bühne präsentiert wird.

In jedem Fall passt das Stück perfekt zum Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele, zu jeder Zeit erfährt man „Kopf über – Welt unter“ am eigenen Leib. Am Ende verlasse ich aber mit einem guten Gefühl das Theater und mit dem Wunsch, mehr über Robert Wilson (den ich, wie ich gestehen muss, vorher gar nicht kannte) und seine Arbeit zu erfahren.

„Der Sandmann“ ist nach seinem Gastspiel in Recklinghausen ab dem 20. Mai am Schauspielhaus in Düsseldorf zu sehen.

 

 

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