Ein Mittagessen bei Jamie Oliver

Jamie Oliver, auch bekannt als The Naked Chef, ist seit mehreren Jahren über die Grenzen Englands hinaus bekannt. In Deutschland kennt man ihn vor allem durch seine Kochbücher, die sich durch Rezepte auszeichnen, die mit schneller und einfacher (und dabei gesunder) Zubereitung werben. Jamie Oliver betreibt in England verschiedene Restaurants und Restaurantketten. Bei meinem letzten London-Besuch war ich seit längerer Zeit mal wieder in seinem Flagship-Restaurant Fifteen.

Seit 2002 werden im Fifteen benachteiligte junge Menschen zu Köchen oder Service-Mitarbeitern ausgebildet. Der Name des Restaurants leitet sich aus der Anzahl der Personen ab, die jedes Jahr den Lehrgang durchlaufen. Dabei geht es vor allem um Menschen, die zum Beispiel drogenabhängig sind oder waren, unter psychischen Problem leiden oder etwa lange keinen Job gefunden haben und nun von Obdachlosigkeit oder Privatinsolvenz bedroht sind.

Die Einnahmen des Restaurants gehen fast ausschließlich an den guten Zweck. Dazu hat Jamie Oliver eine eigene Wohltätigkeitsorganisation gegründet – für mich ein weiterer guter Grund, hier ab und an mal essen zu gehen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Der Anspruch des Restaurants ist ziemlich hoch, vor allem wenn man die Hintergrundgeschichten der Auszubildenden berücksichtigt. Die Küche ist mediterran beeinflusst, kombiniert aber auch klassische und insbesondere britische Elemente geschickt. Was mir immer besonders gut gefällt, sind teilweise sehr außergewöhnliche Zutaten, die im Zusammenspiel mit Altbekanntem eine sehr harmonische Wirkung entfalten. So auch dieses Mal.

Das Fifteen befindet sich in einem alten Fabrikgebäude

Ein bisschen was zu knabbern?

Das Fifteen liegt in Hackney (in der Nähe der U-Bahn-Station Old Street) – keine wunderschöne Gegend, aber wir sind ja auch nicht zum Sightseeing hier. Wir werden wie immer freundlich empfangen. Das Personal ist zuvorkommend, betont locker, aber niemals aufdringlich. Man hat stets das Gefühl, gut umsorgt zu werden. Wir bestellen uns erstmal ein bisschen frisch gebackenes Brot. Hier gibt es drei Variationen: Ein Graubrot, ein Schwarzbrot und eine Art Knäckebrot mit Sesam und Mohn. Alle drei schmecken super frisch und perfekt dazu passt die selbstgemachte salzige Butter.

Drei Brotvariationen

Die Vorspeise

Ich kann es nicht lassen und bestelle mir vor dem Hauptgericht noch eine Vorspeise: Besonders fasziniert mich der Burrata, eine Art Mozzarella aus Italien, genauer gesagt aus Apulien. Dazu gibt es wilden Fenchel und geeiste Mandarinen, die eher an eine Art Eisparfait erinnern und dem Gericht eine sehr frische Note verleihen. Abgerundet wird alles durch eine Lakritzreduktion sowie Kichererbsen. Alles klingt separat betrachtet nach einer sehr merkwürdigen Kombination, schmeckt aber wirklich klasse und geht als perfekte Frühsommer-Vorspeise durch.

Burrata, Fenchel, Lakritz

Main Course

Beim Hauptgericht gehen wir ein bisschen weniger Risiko ein und bleiben ganz klassisch: Für mich gibt es Risotto mit Roscoff-Zwiebel (die sehr aromatisch, aber nicht allzu scharf ist), jungem Spinat und dem britischen Berkswell-Käse garniert. Dieser sieht ein wenig aus wie Parmesan, schmeckt aber nicht ganz so intensiv. Alles in allem eine runde Sache, nicht außergewöhnlich, dafür sehr sättigend – der Nachtisch rückt in weite Ferne.

Classic Risotto

Meine Freundin bleibt bei ihrer Wahl vegetarisch. Es gibt Pink Fir-Kartoffel mit gedünstetem und im Anschluss gebratenem Blumenkohl. Garniert wird alles mit Pfifferlingen, Liebstöckl und Brennnessel. Moment, Brennnessel? Ja genau, mit auf dem Teller liegen einige Blätter Brennnessel. Überzeugt geschmacklich nicht unbedingt, sieht aber spannend aus. Und nachdem wir es probiert haben, wissen wir auf jeden Fall sicher, dass wir es nicht in unsere Alltagskochexperimente integrieren wollen.

Kartoffeln, Blumenkohl und jawohl: Brennnessel

Any dessert?

Nach diesen reichhaltigen Gerichten müssen wir die Dessertkarte leider dankend ablehnen – obwohl der Käsekuchen mit Rhabarber, Karamell und Haferflocken durchaus verlockend klingt. Wir begnügen uns mit einem Espresso und halten fest, dass Jamie Olivers Fifteen wirklich keine Wünsche offen lässt und wieder einmal absolut begeistert hat. Jedoch sollte man als Gast offen für Neues und kulinarischen Experimenten nicht abgeneigt sein.

Die Preise sind teilweise happig, aber der kompetente Service, die moderne Präsentation (sowohl der Speisen als auch das Interieur des Restaurants) sowie die insgesamt offene, freundliche Atmosphäre gleichen das wieder aus. Das Fifteen ist eben kein Restaurant, in das man unbedingt jeden Tag geht – etwas Besonderes und uneingeschränkt zu empfehlen!

2 Antworten auf „Ein Mittagessen bei Jamie Oliver“

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