Skulptur-Projekte Münster 2017 – Erste Impressionen

Für mich als quasi Neu-Münsteraner – ich bin erst seit sieben Jahren hier – sind die Skulptur-Projekte etwas Neues. Da das Kunst-Highlight nur alle 10 Jahre stattfindet, aber schon eine beachtliche Tradition und vor allem einen besonderen Ruf besitzt, konnte ich es mir nicht entgehen lassen, am Wochenende einen kleinen Ausflug durch die Skulpturlandschaft zu machen. Und wie es sich als guter Münsteraner gehört: Selbstverständlich mit dem Fahrrad!

Was sofort auffällt: Münster ist in diesen Tagen wesentlich internationaler geworden ist. Überall hört man die verschiedensten Sprachen und trifft Menschen aus allen Teilen der Welt. Die Skulptur-Projekte sind eine Kunstveranstaltung von globalem Rang und werden medial oft in einem Atemzug mit der documenta in Kassel oder der Biennale in Wien genannt.

Für die Zeit vom 10. Juni bis 1. Oktober 2017 wird Münster also zur Hochburg der Kunstszene. Ausstellungsort ist der öffentliche Raum, das heißt die Skulpturen und Kunstobjekte werden draußen platziert. Das bietet dem (Nicht-)Münsteraner Gelegenheit, nicht nur besondere Werke renommierter Künstler zu bestaunen, sondern gleichzeitig auch die Stadt zu erkunden.

„Die realisierten Projekte schreiben sich in die baulichen, historischen und gesellschaftlichen Kontexte der Stadt ein, gleichzeitig weisen sie darüber hinaus: Themen der globalen Gegenwart und Reflexionen über den Begriff Skulptur fließen in die künstlerischen Auseinandersetzungen ebenso ein wie aktuelle Fragen zum Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum in Zeiten zunehmender Digitalisierung.“ (Info-Broschüre zu den Skulptur-Projekten)

Was zunächst mal sehr abstrakt klingt, wird in der subjektiven Auseinandersetzung mit den einzelnen Objekten schnell sehr praktisch. Als Kunst-Laie geht es vielleicht auch weniger darum, die Kunstwerke in ihrer spezifischen Bedeutung zu verstehen (so das überhaupt möglich oder nötig ist), sondern eher um die besondere Atmosphäre und Emotionen, die von ihnen ausgehen, zu erfahren.  Ich möchte hier meine drei Lieblingswerke der Skulptur-Projekte vorstellen – bis jetzt zumindest, denn alles habe ich noch lange nicht gesehen. Kann’s losgehen?

Eine überdimensionierte Spardose aus Granit

Erster Anlaufpunkt ist ein zunächst mal recht unscheinbar wirkender Granitstein, den man an der Promenade direkt am Ludgerikreisel finden kann. Das Werk heißt „Momentary Monument – The Stone“. Der Name sagt eigentlich schon alles, denn der große Granitbrocken wird nach seinem Einsatz bei den Skulptur-Projekten völlig zerstört, was im krassen Gegensatz zu seiner sehr beständigen Wirkung steht.

Built for the Ages – Oder doch nicht?

Der besondere Clou ist, dass es an einer Seite einen kleinen Schlitz gibt, in den die Besucher Geld einwerfen können, das nach der Zerstörung gesammelt und an die Hilfe für Menschen in Abschiebehaft gespendet wird. So gewinnt der Stein in seiner kurzen Existenz zusehends an Bedeutung, obwohl sich ansonsten wenig Funktionalität erkennen lässt. Gerade der Spendenaspekt macht das Objekt faszinierend – da kann selbst ich als Laie eine tiefere Botschaft erkennen. Kunst wird hier nicht nur funktionalisiert, sondern formuliert auch ein politisches Statement. Klasse Idee!

Eine Spende für den guten Zweck

Entspannen am Pool bei den Skulptur-Projekten

Weiter nördlich, ebenfalls an der Promenade, entdecken wir einen Pool, um den herum verschiedene übergroße Figuren aus Bronze und Gips arrangiert sind. Diese scheinen den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachzugehen: eine Figur präsentiert selbstbewusst ihren Körper, während sie im Wasser stehend in den blauen Himmel schaut. Eine weitere Figur scheint im Gras zu schlafen. Wieder eine andere hat es sich mit einer Getränkedose gemütlich gemacht und ihren Kopf an einen Felsbrocken gelehnt.

Hier könnte man sich direkt dazulegen

Das Arrangement ist äußerst unterhaltsam und mit großer Liebe zum Detail gestaltet. Es gibt also eine ganze Menge zu entdecken. Außerdem strahlt die Zusammenstellung eine solche Ruhe und Entspannung aus, dass man sich als Betrachter am liebsten daneben legen würde. Die Figuren wirken wie gute Bekannte, mit denen man einfach mal einen Samstagnachmittag verbringt. Am liebsten möchte man Teil dieser Szene sein. Nicole Eisenman hat mit „Sketch for a Fountain“ etwas geschaffen, was zum Mitmachen und vor allem Mit-Entspannen einlädt. Perfekt für die Promenade und ideal für eine manchmal doch sehr hektische Stadt wie Münster.

Ein entspanntes Bier am Pool

Wade in the Water – Einmal über’s Hafenbecken und zurück

Das bereits medial groß inszenierte Highlight der diesjährigen Skulptur-Projekte ist wohl Ayse Erkmens „On Water“: Mehrere Seefracht-Container und Gitterroste wurden bereits vor einigen Wochen im Münsteraner Hafenbecken versenkt, sodass die Besucher nun eine Möglichkeit haben, das Becken zu Fuß – knöcheltief im Wasser – zu überqueren.

In Münster läuft man jetzt über’s Wasser

Von weitem bietet sich dem Betrachter ein besonderes Schauspiel. Wenn man es nicht besser wüsste, sähe man eine größere Menge Menschen über’s Wasser wandeln. Eine Skulptur an sich ist eigentlich gar nicht zu sehen. Statt dessen wird der Besucher selbst zum Kunstwerk und genau das ist wohl auch der gewünschte Effekt. So ist der Anblick stets ein anderer und im ständigen Wandel begriffen.

Schlange stehen – hier ist viel los

Das Laufen auf den Stahlgittern ist zwar nicht gerade komfortabel, aber es bieten sich einem ganz neue Perspektiven auf den Münsteraner Hafen und sein sich stetig wandelndes Gesicht. Gerade die Südseite hat seit der Verlegung des Wolfgang-Borchert-Theaters und der Eröffnung der Hafenkäserei (Tipp: Hier kann man Käse probieren und Kaffee trinken!) neue Attraktionen. So hat das Ganze dann auch noch einen praktischen Nutzen: Man kommt schnell zu Fuß von der einen Seite des Hafens auf die andere. So erschließt Kunst neue städtische Räume. Das passt optimal zu scheinbar nie endenden Diskussionen um die Um-/Neu-/Ausgestaltung der sogenannten B-Side und der näheren Umgebung.

Fazit: Mehr davon!

Meine kleine Auswahl zeigt: Die Skulptur-Projekte haben eine ganze Menge zu bieten. Gut, dass die Kunstwerke noch bis Oktober hier zu sehen sind, denn man braucht sich nicht einbilden, alles mal eben an einem Tag schaffen. Hier muss man eindeutig Prioritäten setzen. Schön ist, dass man immer mal wieder – teilweise auch wider Erwarten – verschiedenen Skulpturen beim Einkaufen in der Stadt oder beim Joggen am Aasee begegnet. Dann hat man die Gelegenheit, mal kurz spontan in die Welt der Skulpturen einzutauchen, um sich dann wieder ganz seinem Alltag widmen zu können. Wir haben uns auf jeden Fall den nächsten Erkundungsgang schon fest vorgenommen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.