Play Ball! Fünf gute Gründe Baseball zu lieben

Als Baseball-Fan ist man in Deutschland oft ziemlich alleine. Während andere US-Sportarten wie Basketball oder American Football sich mittlerweile eine treue Fangemeinde bei uns erarbeitet haben, fristet Baseball wenn überhaupt ein Randdasein. Dabei gibt es eine Menge wirklich guter Gründe, Baseball zu lieben. Oder dem Sport zumindest eine kleine Chance zu geben.

Bevor es losgeht, muss ich aber eine kleine Bemerkung vorschieben: Ziel meines Artikels kann nicht sein, Baseball in all seinen Feinheiten zu erklären. Falls ihr überhaupt keine Ahnung habt, kann ich euch diese sympathische Erklärung ans Herz legen:

Alles klar? Dann kann’s ja losgehen!

1. Baseball ist purer Optimismus.

Dass Baseball ein optimistischer Sport ist, fängt schon damit an, dass die Saison in den USA alljährlich im Frühjahr beginnt. Hier steht Anfang März das sogenannte Spring Training an, eine Art Saisonvorbereitung mit Mannschaftstraining und verschiedenen Freundschaftsspielen, bei denen es für die Spieler vor allem darum geht, einen Rhythmus zu finden, sich wieder an die tägliche Routine zu gewöhnen und letztlich auch einen Platz im Kader (dem 25 man roster) zu ergattern.

Ein Baseball-Feld von oben

Einher geht diese Vorbereitungszeit mit ersten zarten frühlingshaften Temperaturen, Sonnenschein und dem Gefühl nach der langen kalten Jahreszeit wieder draußen sein zu können. Die Natur erwacht zu neuem Leben und so tun es auch die Baseball-Verrückten Amerikaner. Fans hoffen, dass ausgerechnet ihre Mannschaft es in diesem Jahr schaffen wird, einen der begehrten Plätze in der Postseason (den letzten Ausscheidungsspielen um die Meisterschaft) zu erreichen oder gar World Champion zu werden – es wird kommentiert, diskutiert, gefachsimpelt und am Ende gibt es doch wieder die großen Überraschungen, mit denen niemand gerechnet hat.

Dem Anfang der Saison wohnt ein Gefühl des Neubeginns inne, der schwer in Worte zu fassen ist. Aufgrund der Länge der Saison (jede Mannschaft absolviert mindestens 162 Spiele zwischen April und September) bleibt die Aussicht auf einen positiven Saisonverlauf lange erhalten. Bis man davon sprechen kann, dass eine Mannschaft tatsächlich abgeschlagen ist, dauert es meistens bis weit in die letzten drei oder vier Wochen der Saison. Und gewonnen hat man am Ende der Regular Season rein gar nichts. Dann wird nämlich alles wieder auf Null gesetzt und die Playoffs sorgen für neuen Optimismus bei den Mannschaften und ihren Anhängern.

Ein Baseball

Auch innerhalb einzelner Spiele ist es oft bis zum Ende spannend. Natürlich gibt es auch hier eindeutige Ergebnisse, aber ein Rückstand von vier Runs (die Punkte im Baseball) erscheint zwar auf den ersten Blick groß, lässt sich aber mit einem Wimpernschlag und einer individuellen Einzelleistung schnell ausgleichen. Daher hat man das Gefühl, dass Teams sich selten aufgeben und stattdessen bis zum letzten Out (dem kleinsten Spielabschnitt) weiterkämpfen, da es immer sein kann, dass sich ein Fehler einschleicht, ein Ball nicht gefangen wird oder ein Spieler im Leistungstief plötzlich groß aufspielt. Optimism never dies.

2. Baseball ist komplex. Wahnsinnig komplex.

Baseball ist sicher kein Sport für Gelegenheitsgucker. Für mich war es am Anfang eine reine Willensleistung, das Geschehen auf dem Bildschirm zu durchdringen. Ich wollte das Spiel verstehen. Und ich wollte wissen, was Millionen von Amerikanern jeden Tag über einen Zeitraum von sieben Monaten immer aufs Neue begeistern kann. Mit einer gewissen Routine als Zuschauer hat man bald erste Erfolgserlebnisse, erkennt Strukturen, sieht wiederkehrende Elemente, versteht Zusammenhänge. Baseball fordert den Intellekt des Zuschauers und gerade das macht das Spiel so attraktiv.

Baseball-Pitcher beim Wurf

Das fängt schon bei Statistiken an. Einen Box Score (eine Übersicht über Spieler- und Teamwerte in einem Spiel) zu lesen, erfordert erst einmal einen Grundlagenkurs in den technischen Abkürzungen und ein bisschen Auffrischung in Sachen Mathematik. Beides für mich gar nicht so einfach. Da liest man etwas von AB, ERA und SO. Dazu kryptisch anmutende Zahlenreihen und unverständliche Fußnoten und Erläuterungen. Hat man das System aber irgendwann durchschaut, ergeben sich hier tiefere Einblicke in den Spielverlauf und die Leistungen der Akteure. Kein Wunder also, dass Baseball-Fans oft akribisch genau Scorecards führen und diese nicht ohne Stolz sammeln. Genauigkeit ist hier der Schlüssel, denn das „Protokollieren“ erfordert genaues Hinschauen und Analysieren der Spielsituationen – ein wahrlich meditativer Akt. Wer mehr erfahren möchte, ist mit diesem Video gut bedient:

Weiter geht es dann mit den vielen Regeln und Ausnahmen und der Baseball-Etikette, also den ungeschriebenen Gesetzen des Sports. Das offizielle Rulebook umfasst stolze 285 Seiten und wird laufend ergänzt und angepasst. Daher befindet sich das Spiel in einer stetigen Entwicklung und wird wohl niemals „fertig“ sein. Es geht sicher auch ohne detaillierte Kenntnis des Regelwerks, aber gerade die kleinen Ausnahmen machen den Sport so faszinierend. So muss der Pitcher zum Beispiel in seiner Wurfbewegung zunächst komplett stillstehen. Tut er dies nicht, so macht er sich eines Balks schuldig, was den gegnerischen Spieler sofort auf die erste Base befördert. Ist ein Spiel nach neun Innings nicht entschieden, wird weitergespielt, bis es einen Sieger gibt. Dass das manchmal lange dauern kann, zeigt zum Beispiel die Begegnung zwischen den Chicago White Sox und den Milwaukee Brewers am 8. Mai 1984, die erst nach satten acht Stunden und fünfundzwanzig Minuten einen Sieger bestimmen konnten.

3. Baseball ist kontemplativ.

Böse Zungen behaupten, Baseball sei langweilig. „Da passiert ja gar nichts“, „Der trifft den Ball ja überhaupt nicht“, „Die stehen ja die meiste Zeit nur rum“ – allesamt Aussagen irritierter Baseball-Laien. Natürlich erscheint das auf den ersten Blick genau so, doch darauf muss man sich einlassen. Zugegeben, es gibt Spiele, die sehr dröge sind: es gibt keine Runs, kaum Hits, und viele langwierige At-Bats, die kaum zu enden wollen scheinen. Doch dann passiert das spielentscheidende Highlight, was einen dann mit einem Schlag entschädigt und in Begeisterung versetzt.

Baseball ist ein Zeitspiel. Und ein Geduldsspiel. Im Baseball gibt es keine Uhr wie in anderen Sportarten, das heißt, ein Spiel dauert so lange wie es eben dauert. Und insbesondere für die Pitcher (die wichtigsten Spieler eines jeden Teams) ist dieser Aspekt von besonderer Wichtigkeit: Sie können sich nämlich alle Zeit der Welt nehmen, um ihr Ziel – die gegnerischen Batter aus dem Spiel zu bekommen – zu erreichen: Sie entscheiden sich für eine Wurfart, die in der jeweiligen Situation besonders erfolgsversprechend ist. Sie spielen kleine „Psycho-Spielchen“ mit ihren Gegnern. Sie lassen einen Gegner vielleicht sogar freiwillig eine Base erreichen, um sich mit einem vermeintlich schwächeren Spieler auseinandersetzen zu können.

Ein Pitcher wirft

Für den Zuschauer bieten diese Momente immer wieder Gelegenheit, das Spielgeschehen zu reflektieren, sich mit anderen (oder mit sich selbst) auszutauschen und eine Erwartungen für das weitere Spiel zu formulieren. Diese Ruhepausen sind etwas Besonderes, was sich in anderen Sportarten so nicht findet. Auch die Kommentatoren (die meistens zu dritt, aber immer mindestens zu zweit arbeiten) nutzen die Zeit, um private Gespräche zu führen, Witze abseits des Spiels zu machen oder sich gegenseitig in Baseball-Fachwissen zu überbieten, bis dann auch schon das nächste Highlight wartet. Dieses Verhältnis von purer Action und vollkommener Ruhe gibt einer Übertragung immer wieder einen besonderen Charme und eine Spannung, die man erlebt haben muss.

4. Baseball ist Kunst.

Was Baseballspieler tagtäglich tun, ist eigentlich absurd. Der Schlagmann (der batter) versucht mit einem gerade mal 7 cm im Durchmesser großen Schläger einen ebenso etwa 7 cm im Durchmesser großen Ball zu treffen, der mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 km/h auf ihn zufliegt. Dabei legt der Ball gerade mal eine Strecke von knapp 20 Metern zurück, was dem Batter nicht gerade viel Zeit lässt, eine Entscheidung zu treffen bzw. zu reagieren.

Doch nicht immer ist der direkt Weg aus der Sicht des Pitchers der Beste. Baseball-Pitcher haben oft ein ganzes Arsenal an Würfen, die sich in Geschwindigkeit, Flugkurve, Effet usw. immens unterscheiden, immer mit dem Ziel das Gegenüber aus dem Konzept zu bringen, indem man etwas Unerwartetes tut. Wie das konkret aussehen kann, zeigt dieses Video:

Dabei geht es für den Pitcher nicht darum, einfach irgendeinen beliebigen Pitch auszuwählen und dann das Beste zu hoffen. Im Gegenteil. Pitcher wissen genau über ihr Gegenüber Bescheid: Ist er aggressiv oder eher geduldig? Trifft er eher Bälle, die nah an seinen Körper geworfen werden? Hohe oder tiefe Bälle? Möglichst gerade oder möglichst viel Drall? Und dann kommt es noch auf die aktuelle Spielsituation an: Befinden sich Läufer auf den Bases? Mit welchem Batter muss ich mich als nächstes auseinandersetzen? Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was bei der Entscheidung für einen einzigen Pitch berücksichtigt werden muss.

Angesichts dieser Komplexität kann man nur von Kunst sprechen, insbesondere da es immer wieder echte Ausnahemathleten gibt, die das Pitchen zu wahrer Perfektion geführt haben. Ein solches Beispiel ist etwa Félix Hernández – auch bekannt als King Felix – der für die Seattle Mariners spielt. In der Saison 2012 erreichte er etwas, was vor ihm nur 22 anderen Spielern gelungen war: ein sogenanntes Perfect Game. Bei einem perfekten Spiel schafft es der Pitcher alle gegnerischen Spieler zu eliminieren, ohne dabei einen einzigen Hit oder Walk zuzulassen, d.h. es gibt im gesamten Spiel keinen Spieler des gegnerischen Teams auf einer Base. Hernandez und sein Team gewannen 1:0 gegen die Tampa Bay Rays, er selbst verzeichnete 12 sogenannte Strikeouts bei insgesamt nur 113 Pitches. Bei einem Strikeout wirft der Pitcher drei Mal in die Strike Zone, einer gedachten Zone zwischen Brust- und Kniehöhe des Batters, ohne dass dieser dabei entscheidenden Kontakt zum Ball herstellen kann. Ein solches Out zeugt meistens davon, dass der Batter kein probates Mittel findet, mit den Würfen des Pitchers zurechtzukommen und sich darauf einzustellen. Das folgende Video zeigt eine kleine Zusammenfassung eines wahren Künstlers bei der Arbeit:

5. Baseball ist Geschichte.

Baseball ist ein alter und äußerst traditionsbewusster Sport. Die ersten dokumentierten Club-Gründungen in den USA gehen bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Das Spielprinzip hatte sich zuvor bereits in Europa entwickelt (man denke nur an das gute, alte „Brennball“ aus dem Sportunterricht), aber die Kodifizierung und Professionalisierung des Sports ist mit der Geschichte der USA eng verwoben.

Bis zu seiner heutigen Form hat sich Baseball stetig weiterentwickelt, dabei spielte America’s Pastime in verschiedenen historischen Kontexten in den USA eine Rolle. Ein Beispiel hierfür ist etwa die Bürgerrechtsbewegung: Bis in die 1940er Jahre war Baseball – ebenso wie die gesamte amerikanische Gesellschaft – gespalten, es herrschte segretation, also die strikte Trennung zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung im öffentlichen Leben. Auch im Baseball gab es für afro-amerikanische Spieler keine Möglichkeit, für ein Team der Profiliga zu spielen. Stattdessen organisierten sie sich in den sogenannten negro leagues, die zwar hochkarätig besetzt, aber weitaus weniger lukrativ waren.

Und dann kam Brand Rickey: Der Manager der Brooklyn Dodgers nahm den damals 28-jährigen Jackie Robinson unter Vertrag. Dieser wurde damit der erste schwarze Spieler in der ansonsten weißen Major League Baseball. Die Reaktionen in der Öffentlchkeit waren gemischt: Die Dodgers zogen zwar das mediale Interesse auf sich und auch das Interesse bei der schwarzen Bevölkerung stieg, innerhalb des Teams entstanden jedoch Konflikte. Einige Spieler drohten offen mit einem Boykott, sollte Robinson weiter für das Team spielen dürfen. Auch gegnerische Spieler zeigten ihren Hass auf Robinson: Er wurde offen physisch attackiert und sah sich den Beschimpfungen der Zuschauer und Gegenspieler ausgesetzt. Letztendlich konnte sich Robinson durchsetzen, auch durch die Unterstützung einzelner Mitspieler, vor allem aber durch seinen Sportsgeist, seine unbestrittenen Baseball-Fähigkeiten, seiner Unnachgiebigkeit und Selbstkontrolle.

Heute gilt Robinson als glänzendes Beispiel für die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Die Major League Baseball erinnert noch immer am Jackie Robinson Day (dem 15. April) an sein Debut in der Profiliga: Alle Spieler tragen an diesem Tag Robinsons Nummer 42 (die übrigens in keinem Club mehr vergeben werden darf) und gedenken so der Durchbrechung der sogenannten color line, also der systemischen Diskriminierung von schwarzen Spielern in der Profiliga. Wer sich weiter mit Robinson beschäftigen will, dem sei der Spielfilm 42 ans Herz gelegt:

Ein anderes Beispiel für die Verquickung von Geschichte und Baseball sind die Terroranschläge des 11. September 2001 in New York und Washington. Die Ereignisse dieses Tages ließen den amerikanischen Volkssport schnell in den Hintergrund treten, Spiele wurden abgesagt, die Aufarbeitung des nationalen Schocks hatte natürlich Priorität. Die direkten Auswirkungen der Anschläge spürten vor allem natürlich die in New York angesiedelten Teams der Yankees und Mets, die im Folgenden sehr zur seelischen und emotionalen Heilung der Nation beitrugen. Spieler engagierten sich bei Aufräumarbeiten, besuchten den Ground Zero oder führten Gespräche mit den Helferinnen und Helfern und den Angehörigen der Opfer vor Ort.

Für viele Amerikaner symbolisierte die Wiederaufnahme der Baseball-Saison eine Woche später eine Stückchen Rückkehr zur Normalität, zum Alltag. Auch der damalige Präsident George W. Bush setzte in der World Series (der Endspielserie in der US-Profiliga MLB) ein Zeichen und warf den zeremoniellen ersten Pitch beim Heimspiel der New York Yankees gegen die Arizona Diamondbacks am 30. Oktober 2011.

Die Geste signalisierte den New Yorkern und allen Amerikanern an den Bildschirmen und im Stadion: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir geben nicht auf, wir machen weiter. Baseball ist in den Tagen und Wochen nach den Anschlägen vor allem als Ablenkung von einem sonst tristen, traurigen und traumatischen Alltag. Baseball brachte Menschen zusammen und schaffte ein gemeinsames Interesse.

Dies sind nur zwei Beispiele, die die enge Verbindung des Sports mit der amerikanischen Kultur und Geschichte herausstellen sollen. Auch der Sport selbst hat natürlich seine eigene Historie geschaffen, voller Rekorde, dramatischer Momente und einzigartigen Athleten. Das wird auch in Zukunft so bleiben und vielleicht gewinnt dieser herausragende Sport auch in Europe Anhänger. Verdient hätte er es allemal.

 

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