Lyrik hautnah! – Schullesung beim Lyrikertreffen in Münster

Schülerinnen und Schüler müssen im Deutschunterricht ständig Gedichte lesen, analysieren und interpretieren, was häufig nicht unbedingt zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehört. Auch unsere Studierenden bilden da keine Ausnahme. Die Organisatoren des Lyrikertreffens in Münster schaffen jedoch Abhilfe: Sie vermitteln zwischen Autor/-innen und Schulen und eröffnen diesen so die Möglichkeit, Schullesungen zu veranstalten.

Das Lyrikertreffen ist eine Veranstaltung der Stadt Münster und findet alle zwei Jahre statt. Dazu lädt die Stadt deutsche sowie einige internationale Dichterinnen und Dichter ein, die dann im Rahmen von Lesungen, Workshops oder Vorträgen Gelegenheit bekommen, ihr Werk dem kulturinteressierten Publikum zu präsentieren.

Seit 1993 wird dabei auch der „Preis der Stadt Münster für europäische Poesie“ vergeben. Wie der Name schon sagt, stehen hierbei internationale Dichtungschaffende (und ihre Übersetzer/-innen) im Mittelpunkt. Seit 2011 wird er auch über die Grenzen Europas hinaus vergeben, so war zum Beispiel der US-amerikanische Dichter Charles Bernstein im Jahr 2015 Preisträger der mittlerweile in „Preis für internationale Poesie“ umbenannten Auszeichnung.

Schullesungen im Rahmen des Lyrikertreffens

Die Schullesungen finden bereits seit einigen Jahren statt (unsere Schule ist mittlerweile das vierte Mal dabei). Bewerben kann sich jede Schule in Münster und Umgebung: Man füllt ein Formular aus, sucht im Lyrikertreffen-Reader nach geeigneten Autorinnen oder Autoren für die eigene Zielgruppe und muss dann einige Zeit auf Rückmeldung durch die Organisatoren warten.

Circa eine Woche vor der Veranstaltung erfährt man dann, welche/r Lyriker/in der eigenen Schule zugewiesen wurde. Aus meiner Erfahrung klappt es so gut wie nie, den/die Lieblingskandidaten/-in für die Lesung zu gewinnen. Nachvollziehbar, denn selbstverständlich möchten auch andere Schulen gerne Lesungen von bekannten Autorinnen und Autoren ausrichten.

Für Sie liest dieses Jahr: Frank Keizer

Unsere Studierenden bekamen es dieses Jahr mit dem niederländischen Dichter, Redakteur und Kritiker Frank Keizer zu  tun. Ich bin zufrieden mit dieser Zuteilung, vor allem da Keizers Texte auf den ersten Blick gut zugänglich sind (sie liegen glücklicherweise in einer deutschen Übersetzung vor) und er als junger Autor (Jahrgang 1987!) für die Studierenden viel Identifikationspotential bietet.

Frank Keizer liest am Abendgymnasium

Frank Keizer lerne ich am Abend vor den Schullesungen beim traditionellen Organisationstreffen im Hotel Feldmann in Münster kennen. Dort geht es bei einem gemeinsamen Abendessen (auf Kosten der Stadt) darum, dass die verschiedenen Lehrerinnen und Lehrer die Dichterinnen und Dichter, die an ihrer jeweiligen Schule lesen werden, kennenlernen können. Die Atmosphäre ist hier meistens etwas angespannt: Was für ein Mensch wird einem da begegnen? Was sagt man so zu einem anerkannten Poeten? Bekommen wir ein bisschen Small Talk hin?

Bei Frank Keizer ist das überhaupt kein Problem. „Hi, I’m Frank, nice to meet you!“ ist die lockere Begrüßung. Ich freue mich auch, leider kann ich nicht lange bleiben, ich habe noch Unterricht am Abend. Das Organisatorische zu klären, klappt völlig unproblematisch. Frank wird auf Niederländisch lesen, im Anschluss Fragen der Studierenden beantworten. Die Fragen auf Deutsch, so versichert er mir, wird er problemlos verstehen, dann aber lieber auf Englisch dazu Stellung nehmen. Da wird sofort klar: Das wird eine sehr internationale Veranstaltung!

Ein paar seiner Texte hat Frank mir vorab per Mail geschickt, sodass ich für die Lesung einen kleinen Reader zusammenstellen kann, der an unsere Studierenden verteilt werden kann. Das erweist sich als sehr hilfreich, ein intensiver Austausch über einzelne Gedichte kommt trotzdem nicht zustande, dazu ist die Sprachverwirrung doch zu groß und die Zeit, um die Texte angemessen zu würdigen, viel zu knapp. Eine Vorentlastung im Unterricht wäre wünschenswert und sinnvoll gewesen, aber das ist wegen des knappen Zeitrahmens nicht wirklich möglich: Man erfährt schlichtweg zu spät, wer in welcher Schule lesen wird.

Ein Lyriker zum Anfassen

An der Lesung am nächsten Tag nehmen ungefähr 40 Studierende aus verschiedenen Semestern teil. Frank liest zunächst sechs Gedichte aus seinem Band „Onder normale omstandigheden“ („Unter normalen Umständen“). Die Gedichte sind sprachlich gut zugänglich, auch dank der exzellenten deutschen Übersetzungen, aber sehr stark verdichtet.

Deutlich werden die Anliegen des Autors trotzdem: Franks zentrales Thema ist die Krise – gemeint ist sicher ganz unsubtil die Weltwirtschaftskrise von 2008, aber auch gesellschaftliche und soziale Krisen als Reaktion auf eine sich rasant verändernde Welt. „Die Krise ist der neue Normalzustand. Und es wird sich zeigen, wie wir Menschen darauf reagieren“, so Frank. Lösungen hat er jedoch nicht parat. Es wird schnell klar, dass viel von Frank selbst in seinen Texten steckt: Das Ich ist ständig auf der Suche nach Antworten. Und scheitert dabei. Selbst Google kann nicht helfen, denn die beliebte Suchmaschine weiß nicht, „wie sich das anfühlt | im einundzwanzigsten Jahrhundert zu leben“.

Frank Keizer liest aus seinem Gedichtband „Unter normalen Umständen“

Franks Lyrik ist nachdenklich und ziemlich pessimistisch. Wir haben es hier mit einem Autor zu tun, der viel über sich und die Welt, die er minutiös beobachtet, nachdenkt. Seine Sicht auf die Dinge ist ironisch, manchmal sehr sachlich, stellenweise bissig und zynisch. In den Texten geht es um (Selbst-)Zweifel, um politische Mitbestimmung und um das Erwachsenwerden in Zeiten der ständigen Krise. Und damit sind sie aktueller denn je. Das merken auch die Studierenden während der Lesung, auch wenn sie vielleicht nur hier und da etwas Konkretes von den auf Niederländisch vorgetragenen Texten verstehen können.

„Denkst du denn wirklich über jedes einzelne rhetorische Mittel nach?“

Die Studierenden haben in dem an die Lesung anschließenden Gespräch mit dem Autor viele Fragen. Diese reichen vom Alltag eines Schriftstellers, über die in den Texten angesprochenen Themen bis hin zu Tipps für angehende Dichterinnen und Dichter. Frank beantwortet alles bereitwillig und gibt Einblicke, die Studierenden bei der Auseinandersetzung mit Lyrik von vor 200 Jahre verwehrt bleiben. Er berichtet zum Beispiel von seinem Schreibprozess und erklärt, wie er teilweise sehr lange an einer Verszeile arbeitet und dabei solange mit der Sprache, die er als Material betrachtet, spielt, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist. Am Ende ermutigt er die Studierenden noch, einfach das Schreiben einmal selbst auszuprobieren. „Wiederholungen sind ein einfaches Mittel, mit dem man anfangen kann“, ist dabei sein Tipp für Lyrik-Neulinge.

Nach der Lesung erzählt er mir, dass er die Diskussion höchst interessant und bereichernd fand. Dem kann ich nur beipflichten. Mit den Schullesungen hat die Stadt Münster ein wirklich einzigartiges Projekt begonnen, dass hoffentlich noch lange bestehen wird. Ich fahre Frank noch zurück in sein Hotel und schon ist das Lyrikertreffen 2017 für mich schon wieder vorbei. Aber ich bin sicher, dass wir uns als Schule in zwei Jahren wieder bewerben werden.

Wer etwas von Frank Keizer lesen möchte, dem sei seine Homepage ans Herz gelegt. Ansonsten lohnt auch alle zwei Jahre im Mai ein Besuch in Münster zum Lyrikertreffen, um zum Beispiel eine der öffentlichen Lesungen bei den Städtischen Bühnen zu besuchen.

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